Bizarr

… es ist bizarr, dass die mediale Öffentlichkeit in Deutschland mit einer herablassenden Sündenbockrhetorik wieder Rassismus schürt, ernsthaft von „Wirtschaftsflüchtlingen“, „faulen Griechen“ und „Schmarotzern“ spricht, anstatt die offensichtliche Unmenschlichkeit europäischer Innen- wie Außenpolitik anzuklagen.

Aus: Europa. Anders. Machen. via maskenfall.de

Im Kessel

Abgehängt sein vom wirtschaftlichen Fortschritt (man könnte es auch als Perspektivlosigkeit bezeichnen) – das ist in meinen Augen ein wesentlicher Grund für den Zulauf, den extreme und fremdenfeindliche Gruppierungen haben. […] Die Betroffenen suchen nach Schuldigen für ihre Lage und werden bei den „Fremden“ scheinbar fündig. Die komplexen gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge, die ihre individuelle Misere großenteils bedingen, durchschauen sie nicht. Wie sollten sie auch, sorgen doch viele unserer Politiker und der überwiegende Teil unserer Massenmedien für keinerlei gesamtwirtschaftliche Aufklärung, sondern für die Zementierung einzelwirtschaftlicher Sichtweisen und dadurch für eine Blockade der Lösungsansätze, die allen und gerade auch diesen sich benachteiligt Fühlenden zu Gute kämen. […]

Das Hauptanliegen dieser Meinungsmache scheint mir zu sein, dass diejenigen, die sich abgehängt fühlen, nicht auf die Idee kommen, ihre eigene Situation mit der der deutschen Oberschicht zu vergleichen oder gar den Grund für ihre persönliche Misere in der Handhabung unseres ökonomischen Systems zu suchen. Wenn die Masse der Menschen erst einmal versteht, dass die Ausbeutung der Arbeitskraft des kleinen Mannes hierzulande die Hauptursache für den Reichtum unserer Oberschicht und das Elend in den EWU-Partnerländern ist, könnte sich ihre Wut nämlich eine andere Zielscheibe als Flüchtlinge, Asylbewerber, EU-Migranten und andere Minderheiten suchen. […]

Der Druck im Kessel der Abgehängten wird steigen und das Ventil der Fremdenfeindlichkeit bekommt immer mehr zu tun, weil die für die wirtschaftlichen Geschicke und die Rahmenbedingungen unseres Wirtschaftssystems Verantwortlichen nicht bereit sind, das Feuer unter dem Kessel zu löschen, an dem sie sich selbst – außerhalb des Kessels – so angenehm wärmen.

Aus: Friederike Spiecker – Woher kommt PEGIDA? Aufgelesen bei … Stephan Mayer | flassbeck-economics

Spiel der Populisten

Er schürt die Angst des Einzelnen und verspricht einfache Antworten, wo differenzierte Betrachtung gefragt wäre. Er signalisiert den Menschen: Was du erreicht hast, wird durch Fremde, durch Frauen und „Sozialschmarotzer“ gefährdet. Er fragt nicht danach, warum die Gesellschaft auseinanderdriftet, warum Arme ärmer und Reiche reicher werden und der Hass auf Minderheiten wächst. Er macht das Gegenteil: Er nährt den Angstreflex, anstatt ihn zu beseitigen. Deshalb hat der Populismus leichtes Spiel, wenn Sicherheiten schwinden und die Angst die Kontrolle übernimmt.

„The only thing we have to fear is fear itself.“ Franklin D. Roosevelt

Aus: Lisa Mayr – Was Abstiegsangst mit Menschen macht | derStandard

Eskalation

Niemand sollte in Deutschland Terrorgefahren verharmlosen. Aber man sollte sie auch nicht übertreiben. Immerhin ist in Deutschland noch nie ein Deutscher von Islamisten getötet worden. Aber viele deutsche Muslime durch deutsche Rechtsradikale. Gruppen wie Pegida stellen die Fakten in Deutschland auf den Kopf. Sie betreiben das Geschäft des IS, der großes Interesse an einer Eskalation zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in Deutschland hat.

Aus: Jürgen Todenhöfer – „ISLAMISCHER STAAT“ – 7 Eindrücke einer schwierigen Reise

Statusängste

Wer sich von Ausgrenzung bedroht sieht, der trachtet seinerseits nach Ausgrenzung der noch Schwächeren und Fremden. Kaum etwas ist politisch so explosiv wie die Ausbreitung von Statusängsten. Denn diese verunsichern die Menschen in ihrer Identität, in ihrer Vorstellung über ihren Platz in der Gesellschaft. Dann suchen sie nach Absicherung nach unten, und das geht nun mal am ehesten über die Abwertung anderer. Und beinahe automatisch greifen damit wachsende soziale Spaltung, Rassismus und der Ruf nach Abschottung gegen das böse Ausland um sich. Also nicht die Armut selbst ist eine Gefahr für die Demokratie, aber die Angst davor, die nagt an ganz wichtigen Grundsätzen. Dies ist eine historische Konstante, die über alle Zeiten und Kulturen hinweg gilt: Wachsende Ungleichheit stärkt unvermeidlich die irrationalen politischen Kräfte.

Harald Schumann, Wirtschaftliche Macht und Demokratie, Rede am 13. März 2011

Quelle: Aus gegebenem Anlass: Harald Schumann über Ungleichheit, Statusängste und Ausgrenzung | verteilungsfrage.org

PEGIDA

Der Kampf gegen Rassismus und Ausgrenzung verlangt nicht nur eine sozialere, eine nicht-neoliberale Politik. Er verlangt vielmehr auch eine ausdrückliche politische Polarisierung gegenüber denen, die von neoliberaler Politik, von zunehmender Ungleichheit und von schlechten Löhnen profitieren. Eine Polarisierung also gegen Vermögende, Konzerne und ihre politischen Marionetten; mit einem Wort: gegen das Kapital. Nur mit einem solchen Antagonismus kann es gelingen, die Verantwortlichen für soziale Unsicherheit, für Armut und Statusangst, für Sozialabbau und Entsolidarisierung auch zu benennen und zu bekämpfen. Und nur auf diese Weise kann den “PEGIDA”-Anhänger/inne/n klargemacht werden, dass nicht Islam, Migration und Flüchtlinge schuld sind.

Salopp formuliert: Den Menschen politische Alternativen anzubieten, bedeutet nicht nur, ihnen eine andere Politik, sondern auch, ihnen einen anderen (den tatsächlichen) Gegner anzubieten.

Wenn hingegen das gesamte politische Spektrum von Mitte-Links bis Mitte-Rechts darauf beharrt, dass (a) neoliberale Politik alternativlos sei und (b) den Anhänger/inne/n von “PEGIDA” und Co. alleine mit moralisierendem Verbal-Antirassismus begegnet werden müsse bzw. dürfe, dann wird sich an der Misere nichts ändern. Dann werden Unzufriedenheit, Statusangst und soziale Unsicherheit der Menschen weiterhin in pauschale Ablehnung von “der Politik”, Politiker/inne/n, Islam, Migrant/inn/en und Flüchtlingen münden.

Aus: Patrick Schreiner – “PEGIDA” und der Neoliberalismus | annotazioni.de

Logik des Sündenbocks

Wer scheitert, beschuldigt sich selbst und schämt sich. Man problematisiert sich und nicht die Gesellschaft, obwohl das eigentliche Problem von der Politik verursacht worden ist. […]

Aus der lähmenden Angst, abgehängt zu werden oder nicht mehr dazuzugehören, befreien sich Menschen, indem sie einen imaginären Feind konstruieren. Pegida eröffnet einen solchen imaginären Raum, in dem die Angst, die jeder für sich oder um sich hat, externalisiert wird und mit einem anderen Objekt, hier mit dem Islam, besetzt wird.

Die externalisierte Angst entlastet die Seele. Das Objekt der Angst ist nun benenn- und bekämpfbar, selbst wenn es im Imaginären situiert ist. Vermittels des imaginären Feindes erlangen Menschen wieder den Zutritt ins System. Über das Imaginäre finden sie ins System zurück, von dem sie sich abgehängt fühlen. Der Ausschluss des imaginären Fremden befreit sie von dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Er erzwingt das Gefühl der Zugehörigkeit ins System.

Auffallend für die Beteiligten ist, dass sie schweigend marschieren. Sie formulieren keine Ziele, stellen keine konkreten Forderungen auf. Sie weigern sich zu reden. Der Grund ist offenbar: Sie wollen sich nicht aus dem imaginären Raum hinausdrängen lassen.

[…] Hier ist wieder die Logik des Sündenbocks am Werk. Früher waren es die Juden, nun sind es die Muslime. Die Geschichte wiederholt sich. Die Politiker schauen nur zu und begnügen sich mit Ferndiagnosen. Oder sie schüren die Angst, um politisch daraus Kapital zu schlagen.

Aus: Byung-Chul Han – Psychologie von Pegida: Sehnsucht nach dem Feind | SZ

Privilegien sind unsichtbar

Als Student hörte ich in einem Feminismusarbeitskreis ein Gespräch zweier Frauen, das alles für mich veränderte. Eine war schwarz, die andere weiß. Die Weiße meinte, dass alle Frauen die gleiche Unterdrückung erlebten, deswegen verbinde sie eine intuitive Solidarität. Die Schwarze sagte: „Da bin ich nicht so sicher. Wenn du in den Spiegel siehst, was siehst du?“ Die Weiße antwortete: „Eine Frau.“ Die andere: „Ich sehe eine schwarze Frau. Für dich ist die Rasse unsichtbar, für mich nicht.“ So funktionieren Privilegien. Wer sie hat, sieht sie nicht.

Aus: Interview von Colette M. Schmidt mit Michael Kimmel – Feminismus ist eine feine Sache für uns Männer | dieStandard