Gleichgültigkeit

Neulich habe ich die Geschichte der Syrerin Soha recherchiert. Sie wollte mit ihren vier Töchtern im Alter von drei bis zwölf Jahren übers Mittelmeer nach Europa fliehen. Ihr Boot ging nicht weit von der ägyptischen Küste unter. Soha hatte als Einzige eine Schwimmweste an und ihre vier Töchter klammerten sich an sie. Soha strampelte, um über Wasser zu bleiben, weil eine Schwimmweste nicht fünf Menschen trägt. Sie wusste, sie musste einige ihrer Töchter loslassen, damit irgendwer überlebt. Aber sie konnte sich nicht entscheiden und wartete einfach ab. Zuerst ließ ihre dreijährige Tochter los, die neben ihr nachts im Mittelmeer wegtauchte. Dann die zweite und dann die dritte Tochter. Schließlich zog die ägyptische Küstenwache sie und ihre älteste Tochter aus dem Wasser, damit sie uns diese Geschichte noch erzählen kann. Ich denke mir oft, dass man in Österreich über die Gnade seines Geburtsortes nachdenken sollte. Dass es reiner Zufall ist, dass man dort und nicht in Aleppo, Hama oder Homs geboren ist. Das ist für mich das beste Rezept gegen Überheblichkeit und Gleichgültigkeit gegenüber dem, was nur dreieinhalb Flugstunden von mir entfernt jeden Tag passiert.

Aus: Florian Klenk, Interview mit Karim El-Gawhary | Falter

Todeszone Mittelmeer: 2014 sind 3.400 Menschen ertrunken

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Festung Europa

„Da kann ich als EU-Bürger und Mensch nur laut aufschreien, wenn in meinem Namen und mit meinem Geld mit Gummigeschossen und Tränengas auf im Meer schwimmende Menschen geschossen wird“

Heinz Patzelt, Generalsekretär von Amnesty International Österreich

 

Quelle: oneworld.at

Grenzzäune

Ein Beispiel: In den vergangenen 14 Jahren wurden mehr Grenzzäune errichtet als in den 2000 Jahren zuvor. Das sagt viel über die Globalisierung und das vermeintliche Verschwinden von Grenzen aus. Über die einzelnen Zäune wird zwar immer wieder berichtet, Tageszeitungen schreiben etwa, dass Indien einen Grenzwall zu Pakistan errichtet. Aber der größere Trend ist keine Schlagzeile: nämlich dass es heute mehr Grenzzäune gibt als je zuvor.

Wirklich? Sind diese Zäune länger als die Chinesische Mauer?

Die genaue Länge weiß ich nicht. Ich rede von der Anzahl der Staaten, dieGrenzwälle errichten. Das waren in den letzten 14 Jahren insgesamt 35 Länder. Diese Zäune werden meist mit dem Kampf gegen den Terror gerechtfertigt. Aber die Daten zeigen, dass diese Zäune immer zwischen einem reichen und einem armen Land liegen. Die Demografie an diesen Zäune sagt also sehr viel über unsere Welt aus.

Quelle: brodnig.org

Festung Europa

Im Betroffenheitspathos ist man in Europa gerne groß – zuletzt, als vor Lampedusa fast 400 Menschen auf der Flucht elend ertranken. In Sachen Solidarität, gemeinsame Verantwortung und Menschenrechtspolitik, die diesen Namen verdient, wirkt die Festung Europa eher klein.

[…]
Stattdessen pflegt die gesamte Union konsequente Verweigerungshaltung: nur nicht zugeben, dass man längst zum Einwanderungskontinent geworden ist, dann muss man sich auch nicht über die daraus folgenden Konsequenzen Gedanken machen.

Quelle: derstandard.at

Das Mittelmeer ist das große Menschengrab der Neuzeit

Der Friedhofswächter, mitbezahlt und aufgerüstet von Deutschland, heißt Frontex. Dabei handelt es sich auch um deutsche Paramilitärs, die Flüchtlinge jagen und so selbst dafür sorgen, dass der Friedhof sich füllt. Die Vernichtung der Unerwünschten ist lautlos. Die Sprache, in der über ihren Tod berichtet wird, diese seltsame Mitleidlosigkeit verrät den stählernen Willen, so viele wie möglich sterben zu lassen.

Eifrig versuchen Staat und Kapital gegenwärtig, die Opfer des Kapitalismus aus dem Blickfeld der Menschen zu schieben, weg in afrikanische Lager. Es sollen hier keine durch Empathie erzeugten Zweifel an den Geschäftsgrundlagen der herrschenden Verhältnisse aufkommen.

[…]
EU-Europa ist, unter deutscher Führung, eine feindselige, rassistische »Gated Community« geworden, eine gegen Flüchtlinge und Migranten verbarrikadierte, waffenstarrende Gemeinschaft, in deren Inneren sich soziale Segregation und Ghettoisierung breit machen.

Quelle: hinter-den-schlagzeilen.de

Schlimmer als die NSA

Frontex ist schlimmer als die NSA:

Keine Frage, Frontex überwacht, aber die Überwachung ist eine völlig andere. Frontex überwacht z.B. das Mittelmeer. Es geht hier kaum um konkrete Personen, sondern nur um eine Kategorie von Person: Flüchtlinge. Nach dieser Kategorie wird gefahndet (Beobachtung) und einem Prozedere unterworfen, das sie schnellstmöglich wieder loszuwerden versucht (Sanktion). Es gibt keine personenbezogene Überwachung und dennoch ist diese Überwachung für viele Menschen in ihrer Konsequenz katastrophal.

Rassismus ist schlimmer als die NSA:

Auch Rassismus ist eine Überwachungssituation. Die großen und kleinen Rassismen jeden Tag entspringen nämlich immer Beobachtungen. Beobachtungen, die die Andersartigkeit eines Menschen feststellen und darauf hin das eigene Verhalten dieser Person gegenüber diskriminierend ändern. Wir haben hier also Beobachtung und Sanktion und damit Überwachung.

Armut ist schlimmer als die NSA:

Kein Geld zu haben induziert eine ständige Selbstüberwachung. Kann ich mir das hier leisten? Habe ich genug Geld auf dem Konto für die Miete? Kann ich mir leisten, dieses Wochenende auszugehen? Alltagssituationen, die für die meisten Menschen selbstverständlich sind und an die sie keine Gedanken verschwenden müssen, erfordern bei armen Menschen ständige, kritische Selbstreflexion. Man erschafft einen inneren Buchhalter, der den ganzen Tag das eigene Handeln kontrolliert. Wir haben hier also eine Beobachtungssituation mit laufender Sebstsanktionierung.

Die Liste ließe sich noch ewig fortführen: Sexismus ist schlimmer als die NSA, Homophobie ist schlimmer als die NSA, etc.

Das heißt nicht, dass die NSA-Spionage nicht schlimm ist. Sie ist schlimm für die Demokratie, für das Zusammenleben, für das Vertrauen in die Institutionen. Wir müssen die NSA bekämpfen, um nicht von ihr regiert zu werden. Aber die Angst um die eigene Privatsphäre kann ich dabei nicht wirklich ernst nehmen.

Quelle: mspr0.de