Welt- und Menschenbild

… bei der es in erster Linie darum geht, die Massen durch Arbeit zu organisieren und damit gefügig zu machen. Dabei spielt es nicht die geringste Rolle, ob das Pharaonen tun, Parteien, Staaten oder Konzerne. Tätigkeit sorgt dafür, dass die Leute nicht auf dumme Gedanken kommen. Daher findet es kaum jemand problematisch, wenn man – wie mit Milliardensubventionen für Branchen und Regionen – auf „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ setzt.

Aber wehe, wenn jemand auch nur einen Teil dieser Mittel als bedingungsloses Grundeinkommen fordert: Dann ist Feuer unterm Dach, dann wird es emotional. Sicher: Rational begründen kann das niemand.

Es geht in Wahrheit nicht ums Geld, es geht um das Beibehalten eines überkommenen Welt- und Menschenbildes.

Aus: Mehr Faulheit wagen! – Wolf Lotter

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Arbeitslosigkeit ist ein Sieg

zum Tod von Ulrich Beck Auszüge aus einem Interview, welches Ulrich Beck 2006 dem Tagesspiegel gab:

[Das bedingungslose Grundeinkommen] – Ist diese Idee nicht eine Utopie?

Ja, eine realistische, aber keine illusionäre. Illusionär ist die Vollbeschäftigung, von der unsere Gesellschaft immer noch träumt. Wir denken, es komme nur darauf an, die Konjunktur wieder anzukurbeln, damit jeder wieder Arbeit hat. Nach 20 Jahren ziemlich erfolglosen Kampfes gegen hohe Arbeitslosigkeit müssen wir uns die Frage stellen: Wie kann man ohne Arbeitsplatz ein sinnvolles Leben führen? Genau betrachtet ist Arbeitslosigkeit ja keine Niederlage, sondern ein Sieg. Die Produktivitätssteigerung erlaubt es, mit einem Minimum an menschlicher Arbeit ein Maximum an Wohlstand zu erzielen. Freiheit statt Vollbeschäftigung – das ist heute die Alternative.

Mal angenommen, das Grundeinkommen würde eingeführt: Wer würde da überhaupt noch arbeiten wollen?

Gerade dann werden viele erst arbeiten wollen, weil sie sich endlich den Lohn nicht mehr vom Arbeitgeber vorschreiben lassen müssen, sondern selbstständig über eine gerechte Vergütung verhandeln können. Sie riskieren dabei nichts, weil sie ja ihr Grundeinkommen haben.

[…]

Warum hat die Politik dann dieses Mittel nicht schon längst ergriffen?

Das Gerede von der Erwerbsarbeit als einzigem Sinnstifter unserer Existenz ist ein Herrschaftsinstrument. Alles ist bei uns auf Erwerbsarbeit ausgerichtet: der Rhythmus der Tageszeiten, die Ausbildung, der Übergang von der Pubertät ins Erwachsensein. Der Einzelne definiert sich vor allem über die Erwerbsarbeit; deshalb zwingt er sich zur Anpassung. Fällt dieser Selbstzwang weg, kann man die Freiheit nicht mehr kontrollieren – so fürchten viele. Wenn die Arbeit ausgeht, verlieren viele der Herren der Arbeitsgesellschaft das Fundament ihrer Macht.

Die Politiker fürchten um ihre Kontrolle?

So sieht es leider aus. Man hält das Gros der Bevölkerung für faul und willenlos. Dabei passt das Grundeinkommen zum Kapitalismus. Es würde eine enorme wirtschaftliche Mobilität, Produktivität und Kreativität entfalten. Viele Hindernisse, durch die der Produktionsprozess so ungeheuer gedrosselt wird, würden wegfallen.

(via grundeinkommen.ch)

Horror

In aseptischen Arbeitslagern werden Menschen durch eine unmenschliche Kombination aus Lob und Psychoterror ihrer Seele beraubt. Perfiderweise merken es die Opfer erst 10 Jahre vor dem Tod. Eine grausame Dystopie, die nur dem Kopf eines Wahnsinnigen entspringen konnte. Nichts für zarte Gemüter.

Quelle: schleckysilberstein.com

Vorurteile

Dass […] viele Arbeitslose nur deshalb arbeitslos bleiben, weil sie arbeitslos sind, hat sich immer noch nicht herumgesprochen. Dabei ist längst erwiesen, dass ein Großteil der Unternehmen Arbeitslose bei Stellenbesetzungen von vornherein ausschließen. […]

Es ist zwar allgemein bekannt, dass große Teile der Bevölkerung ein schlechtes Bild von Arbeitslosen haben. So glaubt etwa fast jeder Zweite, die meisten Arbeitslosen seien gar nicht an einem Job interessiert. Da wäre es schon verwunderlich, wenn Personalverantwortliche von solchen Vorurteilen frei wären. […]

In der neoliberalen Gedankenwelt gilt der Markt als unfehlbar. Als Ursachen für Arbeitslosigkeit kommen folglich nur zu hohe Sozialleistungen – die die freie Entfaltung der Marktkräfte behindern – oder Defizite der Arbeitslosen selbst in Frage. Diese sind entweder zu schlecht, zu gut oder einfach falsch ausgebildet, zu immobil, zu alt oder unwillig, sich mit Hungerlöhnen abspeisen zu lassen.

Aus: Hans-Dieter Rieveler – Aussortiert und abgestempelt | Telepolis

Leistungsgesellschaft

Mir [ist] unverständlich, wie sich in einer Gesellschaft, die sich als Leistungsgesellschaft versteht, Arbeit – die ja ganz offensichtlich Leistungserbringung bedeutet – so viel höher besteuert werden kann, als Erbschaften, die leistungsfrei erlangt werden.

Aus: Regina Bruckner, Interview mit Jens Beckert – „Erbe und Arbeit gleich besteuern“ | derStandard

Die Lastenträger

Günter Wallraff hat gemeinsam mit dem Verein „work-watch“ ein Buch mit Reportagen und Hintergrundberichten (Verlag kiwi, 300 Seiten, 14,99 Euro) herausgegeben, das sich dem Arbeitselend „ganz unten“ widmet. Dort stecken heute 25 Prozent der Erwerbstätigen fest, deren Löhne selbst bei Vollzeitjobs nicht reichen würden – um über die amtlich gemessene Armutsgrenze zu kommen. 14 Autorinnen und Autoren haben sich auf den Weg in diesen Niedriglohnsektor gemacht und nicht nur finanzielle Ausbeutung gefunden. Was schon allein deshalb verdienstvoll ist, weil diese Gesellschaft das Phänomen „Arm durch Arbeit“ immer noch für ein Randphänomen hält, es nur abstrakt an sich heran lässt oder sogar glaubt, das neue Mindestlohngesetz löse es. […]

„Die Lastenträger“ konfrontieren uns in den spannend zu lesenden Texten mit einem Klima des systematischen Rechtsbruchs, wie er in zahlreichen Unternehmen vorkommt. Und die Leserin und der Leser weiß am Ende: es kann und darf so nicht weitergehen in diesem Land. Die Schneise in der Arbeitswelt, in der Lohndumping, Überarbeitung und Willkür herrschen, hat sich schon viel zu weit ins Land gefressen. Klar ist leider auch: Von oben kommt keine Rettung. […] Schwarzmalerei? Wer dieses Buch gelesen hat, weiß, dass verbriefte Schutzrechte für Millionen Beschäftigte in deutschen Betrieben nicht gelten und dass von Rechtssicherheit nicht die Rede sein kann. Und dass weder Aufsichtsbehörden noch Justiz dagegen durchgreifen.

„Die Lastenträger“ müssen sich schon selber helfen, ist die Botschaft dieses Bandes, die das auch mit konkreten Beispielen belegt. Besser noch wäre allerdings, wenn wir alle wachsamer reagieren würden, auf das was da „ganz unten“ passiert. Wer kann schon ausschließen, dass er der Nächste ist?

Aus: Gerd Bosbach – „Die Lastenträger“ – Eine elende Bestandsaufnahme | NachDenkSeiten

Security Check

Nehmen wir mal an, ihr arbeitet bei Amazon. Ihr arbeitet 8 Stunden und werden für 8 Stunden bezahlt. Am Ende macht Amazon dann einen „Security Check“ mit euch, wo sie eine halbe Stunde lang eure Taschen durchsuchen und so weiter, um zu gucken, dass ihr auch nichts geklaut habt. Müsste man dafür nicht auch bezahlt werden? Das ist vielleicht keine Arbeitszeit im Sinne von „ich verrichte gerade Arbeit“, aber daran nimmt man ja nicht freiwillig teil sondern weil der Arbeitgeber insistiert.

Zu der Frage gab es gerade eine Klage in den USA, die es bis zum Supreme Court geschafft hat. Der Supreme Court hat einstimmig entschieden, dass Amazon dafür die Arbeiter nicht bezahlen muss. Einstimmig! Krass.

Quelle: blog.fefe.de

Im Allgemeininteresse

Arbeitgeber trichtern uns ständig die Mär von Wachstum, Wettbewerb und Standortsicherheit ein. Nur enger geschnallte Gürtel ermöglichten sichere Arbeitsplätze. All das sei: alternativlos.

Die Arbeitnehmer glauben diesen Mumpitz. Das ähnelt dem Stockholm-Syndrom, bei dem die Opfer von Geiselnahmen nach und nach ein positives Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Warum kuscheln wir mit unseren Kidnappern? Seit Antonio Gramsci wissen wir es: Es liegt an der Hegemonie. Politik und Wirtschaft setzen ihre Interessen durch und bringen ständig zustimmungsfähige Ideen in Umlauf; die Menschen glauben irgendwann, alles geschehe im Allgemeininteresse.

Aus: Patrick Spät – Wem gehört die Fabrik? Uns! | der Freitag

Faul oder zu blöd

Das zentrale Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft und zugleich die zentrale Legitimation für Ungleichheit ist doch: Wenn jemand mehr leistet, dann hat er auch mehr – wenn jemand mehr hat, muss er also auch mehr geleistet haben. […] Jeder glaubt daran. Und obwohl jeder weiß, dass es nicht so ist, wird das Prinzip hochgehalten. Deswegen geht der Debatte, wer wie viel verdient und ob das eigentlich ungerecht ist, nie der Stoff aus. Abgesehen davon – die Frage, wer mehr leistet, eine Altenpflegerin oder ein Investmentbanker, lässt sich unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten ohnehin nicht beantworten. Die Antwort auf die Frage, warum die Altenpflegerin weniger verdient als der Investmentbanker, ist schlicht: weil das Altenheim weniger verdient als die Investmentbank. […]

Diese Leistung – oder wie Ökonomen es nennen: Produktivität – spiegelt nicht die Anstrengung des Menschen wieder, sondern nur den Erfolg eines Unternehmens. Mir ist unklar, wieso Leute weiter an dieser Vorstellung festhalten, dass mit dem Lohn die „Leistung“ gerecht entlohnt wird. Vielleicht müssen sie es. Es ist für die Individuen durchaus entlastend, an die Leistungsgerechtigkeit des Kapitalismus zu glauben. Das suggeriert immerhin Handlungsfähigkeit: Wenn ich mich wirklich anstrenge, dann kann ich es schaffen. Anderseits bleibt ja auch dem Misserfolgreichsten nichts anderes übrig, als sich eben weiter anzustrengen. […]

Wenn man sagt, Einkommen bemisst sich nach Leistung und Leistung bemisst sich danach, wie sehr sich jemand anstrengt, dann ist im Umkehrschluss klar: Wenn jemand ökonomisch nicht erfolgreich ist, dann war er wohl faul oder zu blöd. Der Verlierer in der Konkurrenz soll die Kritik dann gegen sich selbst wenden, statt gegen das System. Das ist der Übergang zum ökonomischen Rassismus, und der basiert auf diesem angenommen Leistungsprinzip. Wenn die BILD-Zeitung schreibt, dass Griechenland deswegen in der Krise sei, weil dort weniger gearbeitet würde, dann fällt das sofort auf fruchtbaren Boden, egal wie viele Statistiken das widerlegen.

Stephan Kaufmann

Aus: Martín Steinhagen – Was tun die Armen dem Kapitalismus an? | Telepolis