Der Markt

Da konkrete (und auch digitale) Handelsplätze nur durch die Menschen, die dort ein Geschäft tätigen, lebendig werden können, dient das Schlagwort Markt besonders in den Massenmedien als Tarnbegriff, um die Interessen von Millionären und Milliardären, Bankstern, Finanzspekulanten, Investoren und Managern zu verstecken.

Aus: Neusprech: Marktgerechtigkeit – epikur

wenig anstößig

Einkommenszuwächse gehen seit vielen Jahren allein zu Gunsten der Besser-, nein der Bestverdienenden. Die finden das anscheinend auch super so. Es wird eben nicht als Klassenkampf verstanden, wenn die eigene Klasse der top 1 percent beständiger Alleingewinner im vermeintlich fairen Wettbewerb der Marktkräfte ist. Die Spitzenklasse ist dann eine Klasse für sich und nimmt nichts anderes mehr wahr. Das große Rätsel ist, warum die Mehrheit der übrigen 99 Prozent das alles immer noch so wenig anstößig findet.

Aus: Jörg Bibow – Obamas Neuoffensive zur Bekämpfung wachsender Ungleichheit l flassbeck-economics

Westliche Werte

Gebe es sie nicht, müsste man sie eigentlich unbedingt erfinden, all diese IS, Pegidas, Boko Harams, ukrainische Patrioten, russische Nationalisten und anderen Gruppen, die den Menschen auf vielfältige Art und Weise nahelegen, sich wegen Religion, Hautfarbe oder auch nur Aussprache gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Andernfalls würden sich diese womöglich fragen, was denn eigentlich hinter dem ganzen Gerede von den westlichen Werten steckt, oder konkreter: Wieso ihr Anteil am Kuchen nicht nur mickrig ist, sondern sogar noch weiter schrumpft.

Aus: Wolfgang Pomrehn – Umverteilung von unten nach oben | Telepolis

Notwehr

Es ist kaum zu erwarten, dass die Denkfabrik des Geldes, das World Economic Forum, kurz WEF, irgendwann zu dem Entschluss kommt, sich selbst abzuschaffen. Es ist auch nicht zu erwarten, dass die Mitglieder des WEF in Zukunft die Einsicht gewinnen, ihren Reichtum für eine gerechtere Welt nicht weiter vermehren zu wollen. Selbst die Einsicht, nicht zur Beglückung der Menschheit beizutragen, dürfte in den Kreisen des WEF als finanztheologische Blasphemie gesehen werden.

Notwendig aber ist es, diesen Wahn von der Allmacht des Reichtums zu beenden. Nicht Neid ist das zwingende Argument dafür, es ist Notwehr. Wenn das nicht gelingt, wird der fatale Verteilungsschlüssel bestehen bleiben und 1 Prozent auch weiterhin an Armut und Verteilungskämpfen verdienen.

Aus: Heinz Sauren – Davos und die Trutzburg des Kapitals | le Bohémien

Ein Prozent

Ein Prozent der Weltbevölkerung wird 2016 mehr Vermögen angehäuft haben, als die restlichen 99 Prozent zusammen. “Die soziale Ungleichheit wächst schockierend schnell”, heißt es in einem Bericht der britischen Aktivistengruppe Oxfam zur Vermögensverteilung auf der Welt.
Demnach gehörten 2009 noch 44 Prozent des Wohlstands einem Prozent der Weltbevölkerung. Vergangenes Jahr lag der Anteil bereits bei 48 Prozent. 2016 wird dieses eine Prozent reicher Menschen wohl 50 Prozent des weltweiten Vermögens besitzen – die andere Hälfte verteilt sich widerum sehr ungleich auf die restlichen 99 Prozent.

Anmerkung JK: Das ist eigentlich das Thema, das intensiv diskutiert werden müsste. Es mag wieder einmal zynisch klingen, aber die aktuelle Fokussierung der Öffentlichkeit auf den islamistischen Terror dürfte bestimmten Kreisen ganz recht sein.

Quelle: nachdenkseiten.de

SM

Ein Auszug aus der Brockhaus Enzyklopädie, 27. Auflage 2078-2079.

Als Schröderianismus-Merkelismus (SM) werden die von Otto Graf Lambsdorff, Gerhard Schröder und Angela Merkel begründeten Lehren mit ihren weltanschaulichen, philosophischen, ökonomischen, sozialwissenschaftlichen und politischen Inhalten bezeichnet. […]

Der Schröderismus-Merkelismus wurde von seinen Kritikern als Weltanschauung der gesellschaftlichen Mittelschicht (kurz auch als »die Mitte« bezeichnet) bezeichnet, die sich selbst als alternativlos, ideologielos und klassenlos kategorisierte. […] Die Bezeichnung »Schröderismus-Merkelismus« war als Name in den Jahren seiner Existenz jedoch nicht gebräuchlich. Er ist ein Begriff der Geschichtsschreibung. Man sprach damals von »freier Marktwirtschaft«, »marktkonformer Demokratie« oder vom »Westen«. Einige Kritiker nannten die Weltanschauung auch »Neoliberalismus«, was aber ein globales Phänomen mit einschloss. […]

Die konkreten theoretischen Grundlagen für die Durchführung dieser Vision und die Rahmenbedingungen für den anschließenden Aufbau des ungezügelten Kapitalismus stammten von linientreuen Kadern, die in Instituten und Initiativen lehrten und die Öffentlichkeit anleiteten. Sie bildeten Fortentwicklungen oder Präzisierungen des SM an und erklärten, dass nur die Ökonomisierung aller Lebensbereiche zu mehr Freiheit im Sinne des primären Ziels führe. Als probate Einzelschritte zur Verwirklichung galten Privatisierung, Deregulierung und ein minimaler Staat. Seine Kritiker kreideten dem SM das Anwachsen von Armut, Ungleichheit und die Aushöhlung demokratischer Prozesse an.

Aus: Roberto De Lapuente – So, aus Schröderschen Geist, wuchs, von Merkel geschweißt … | ad-sinistram

Im Kessel

Abgehängt sein vom wirtschaftlichen Fortschritt (man könnte es auch als Perspektivlosigkeit bezeichnen) – das ist in meinen Augen ein wesentlicher Grund für den Zulauf, den extreme und fremdenfeindliche Gruppierungen haben. […] Die Betroffenen suchen nach Schuldigen für ihre Lage und werden bei den „Fremden“ scheinbar fündig. Die komplexen gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge, die ihre individuelle Misere großenteils bedingen, durchschauen sie nicht. Wie sollten sie auch, sorgen doch viele unserer Politiker und der überwiegende Teil unserer Massenmedien für keinerlei gesamtwirtschaftliche Aufklärung, sondern für die Zementierung einzelwirtschaftlicher Sichtweisen und dadurch für eine Blockade der Lösungsansätze, die allen und gerade auch diesen sich benachteiligt Fühlenden zu Gute kämen. […]

Das Hauptanliegen dieser Meinungsmache scheint mir zu sein, dass diejenigen, die sich abgehängt fühlen, nicht auf die Idee kommen, ihre eigene Situation mit der der deutschen Oberschicht zu vergleichen oder gar den Grund für ihre persönliche Misere in der Handhabung unseres ökonomischen Systems zu suchen. Wenn die Masse der Menschen erst einmal versteht, dass die Ausbeutung der Arbeitskraft des kleinen Mannes hierzulande die Hauptursache für den Reichtum unserer Oberschicht und das Elend in den EWU-Partnerländern ist, könnte sich ihre Wut nämlich eine andere Zielscheibe als Flüchtlinge, Asylbewerber, EU-Migranten und andere Minderheiten suchen. […]

Der Druck im Kessel der Abgehängten wird steigen und das Ventil der Fremdenfeindlichkeit bekommt immer mehr zu tun, weil die für die wirtschaftlichen Geschicke und die Rahmenbedingungen unseres Wirtschaftssystems Verantwortlichen nicht bereit sind, das Feuer unter dem Kessel zu löschen, an dem sie sich selbst – außerhalb des Kessels – so angenehm wärmen.

Aus: Friederike Spiecker – Woher kommt PEGIDA? Aufgelesen bei … Stephan Mayer | flassbeck-economics

Spiel der Populisten

Er schürt die Angst des Einzelnen und verspricht einfache Antworten, wo differenzierte Betrachtung gefragt wäre. Er signalisiert den Menschen: Was du erreicht hast, wird durch Fremde, durch Frauen und „Sozialschmarotzer“ gefährdet. Er fragt nicht danach, warum die Gesellschaft auseinanderdriftet, warum Arme ärmer und Reiche reicher werden und der Hass auf Minderheiten wächst. Er macht das Gegenteil: Er nährt den Angstreflex, anstatt ihn zu beseitigen. Deshalb hat der Populismus leichtes Spiel, wenn Sicherheiten schwinden und die Angst die Kontrolle übernimmt.

„The only thing we have to fear is fear itself.“ Franklin D. Roosevelt

Aus: Lisa Mayr – Was Abstiegsangst mit Menschen macht | derStandard

Faul oder zu blöd

Das zentrale Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft und zugleich die zentrale Legitimation für Ungleichheit ist doch: Wenn jemand mehr leistet, dann hat er auch mehr – wenn jemand mehr hat, muss er also auch mehr geleistet haben. […] Jeder glaubt daran. Und obwohl jeder weiß, dass es nicht so ist, wird das Prinzip hochgehalten. Deswegen geht der Debatte, wer wie viel verdient und ob das eigentlich ungerecht ist, nie der Stoff aus. Abgesehen davon – die Frage, wer mehr leistet, eine Altenpflegerin oder ein Investmentbanker, lässt sich unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten ohnehin nicht beantworten. Die Antwort auf die Frage, warum die Altenpflegerin weniger verdient als der Investmentbanker, ist schlicht: weil das Altenheim weniger verdient als die Investmentbank. […]

Diese Leistung – oder wie Ökonomen es nennen: Produktivität – spiegelt nicht die Anstrengung des Menschen wieder, sondern nur den Erfolg eines Unternehmens. Mir ist unklar, wieso Leute weiter an dieser Vorstellung festhalten, dass mit dem Lohn die „Leistung“ gerecht entlohnt wird. Vielleicht müssen sie es. Es ist für die Individuen durchaus entlastend, an die Leistungsgerechtigkeit des Kapitalismus zu glauben. Das suggeriert immerhin Handlungsfähigkeit: Wenn ich mich wirklich anstrenge, dann kann ich es schaffen. Anderseits bleibt ja auch dem Misserfolgreichsten nichts anderes übrig, als sich eben weiter anzustrengen. […]

Wenn man sagt, Einkommen bemisst sich nach Leistung und Leistung bemisst sich danach, wie sehr sich jemand anstrengt, dann ist im Umkehrschluss klar: Wenn jemand ökonomisch nicht erfolgreich ist, dann war er wohl faul oder zu blöd. Der Verlierer in der Konkurrenz soll die Kritik dann gegen sich selbst wenden, statt gegen das System. Das ist der Übergang zum ökonomischen Rassismus, und der basiert auf diesem angenommen Leistungsprinzip. Wenn die BILD-Zeitung schreibt, dass Griechenland deswegen in der Krise sei, weil dort weniger gearbeitet würde, dann fällt das sofort auf fruchtbaren Boden, egal wie viele Statistiken das widerlegen.

Stephan Kaufmann

Aus: Martín Steinhagen – Was tun die Armen dem Kapitalismus an? | Telepolis