Neoliberalismus oder Untergang!

Die neueste Krise […] heißt wie die alte, nämlich Griechenland. Menschen, denen das Wort „Finanzmärkte“ nicht mit heiligen Schauern von den Lippen kommt, als gelte es einer göttlichen Macht zu huldigen, haben sich schon vor Jahren gewundert, dass ausgerechnet ein Land, das exakt 1,5 Prozent zur europäischen Ökonomie beiträgt, das reichste Europa, das es in der Geschichte jemals gegeben hat, in den Ruin führen sollte.

Voller Entsetzen malen gerade die Profiteure der Krise, die gerne die edlen Werte Europas beschwören, das Desaster an die Wand, das unaufhaltsam über ganz Europa kommen werde, wenn in Griechenland die linke Syriza die Wahlen gewinnen und die neue griechische Regierung stellen wird. Denn immerhin [hat] Alexis Tsipras […] publikumswirksam angekündigt, den sogenannten „Hilfskreditvertrag“ neu verhandeln zu wollen. In- dem die wichtigsten Politiker der Union und Scharen von Kommentatoren vor den unabsehbaren Folgen warnen, wollen sie natürlich die Wahl in Griechenland beeinflussen, damit dort weiter Leute regieren, die sich einer für Millionen Europäer in vielen Ländern verheerenden Politik fügen, die andere über sie verfügt haben. […]

Wenn es um dieses europäische Unionsvolk geht, dann hegen approbierte Demokraten sofort die allergrößten Bedenken. Das Volk, der tumbe Lümmel, könnte womöglich nicht begreifen, dass es nur zu seinem Besten ist, wenn es für die Verluste der Spekulanten aufkommen darf, und sich aus Dummheit populistischen Losungen, reaktionären Rattenfängern ergeben. […]

Alexis Tsipras ist kein Heilsbringer, weder für Griechenland noch für Europa. Warum aber wird er in den europäischen Medien in eine Reihe mit Finsterlingen wie Erdogan oder Putin gestellt? Hat er angedroht, bei einem Wahlsieg missliebige Journalisten und Anwälte ins Gefängnis zu werfen? Hat er den griechischen Nationalisten versprochen, Izmir, das heilige Smyrna, mit einem militärischen Coup zurückzuerobern? Nein, er hat nur angekündigt, dass Griechenland nicht in alle Ewigkeit von einer demokratisch nicht legitimierten Troika regiert werden und die Operation Schuldentilgung ihren Ausgang nicht im Tod des Patienten finden dürfe.

Dass Tsipras gewählt werde, ist keine Gefahr für die Union, sondern eine Chance, nicht nur für Griechenland selbst. Es ist die Chance, dass die Union nicht mit jener Sparpolitik fortfahre, von der zahllose Ökonomen vom Amerikaner Krugman bis zum Österreicher Schulmeister nachgewiesen haben, dass sie nicht nur asozial und ungerecht, sondern auch unproduktiv und zerstörerisch ist. Das heißt nicht Rückkehr zum fröhlichen Schuldenmachen, sondern Vorstoß zum menschengemäßen Wirtschaften. Wem dieses Ansinnen alleine schon als gefährliche Drohung erscheint, der hat sich offenbar damit abgefunden, dass die Menschen ihre eigene Geschichte nur erleiden dürfen, nicht mitgestalten können.

In Griechenland hat es mit der Krise begonnen, angeblich, denn in Wahrheit begann sie viel früher und ganz woanders, mit der neoliberalen Zurüstung der europäischen Ökonomie und mit der profitablen Illusion, Geld vermehre sich von selbst. In Griechenland könnte aber auch der Weg aus der Krise, der andere Weg durch die Krise seinen Anfang nehmen.

Die Europäische Union ist eine großartige Erfindung; es ist fatal, wenn wir sie denen überlassen, für die die Europäer selbst nur als Zubehör der Ökonomie zählen und die ganz Europa auf ihr fundamentalistisches Dogma einschwören wollen, das da lautet: Neoliberalismus oder Untergang!

Aus: Karl-Markus Gauß – „Der Hunger ist zurückgekehrt“ | derStandard

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