Exportweltmeister

Niemand käme auf die Idee, Frau Merkel, die so besonnen vor Nationalismus warnt, des Nationalismus zu zeihen. Diese Rolle erfüllt in Deutschland bestens eine Bewegung namens Pegida, deren Dunkelmänner mit ihren abendländischen Rülpsern zwar den Pesthauch des Nationalismus verströmen, aber als wild zusammengewürfelter, sich an Vorurteilen und Illusionen besaufender Haufen keinesfalls jene dauerhafte Gefahr für die Demokratie darstellen, zu der sie gerade ausgerufen werden. Deutsche Politiker, die hingegen den europäischen Weihrauch schwenken, sind bekanntlich auf nichts so stolz wie darauf, dass Deutschland Exportweltmeister sei.

Das Wort sagt es schon, Weltmeister kann immer nur einer sein. Bis Deutschland unangefochtener Weltmeister wurde, musste es auf dem Weg ins Finale natürlich viele andere besiegen; und damit sich einer als Weltmeister im Exportieren behaupten könne, muss es welche geben, die ihm all die Waren und Güter abnehmen, die sie sich auf Dauer nicht leisten können, weil sie selber viel zu geringe Gewinne aus dem Export ihrer eigenen Produkte lukrieren. Wie Deutschland dieses ungleiche System errichtet hat – indem es die eigene Arbeiterschaft seit Jahren um den gerechten Anteil am Gewinn betrügt und so die Kosten für die eigenen Produkte künstlich niedrig hält; wie es zudem Kredite vergeben hat, damit sich jene, die weit davon entfernt sind, weltmeisterlich zu sein, diese deutschen Waren auch leisten können; wie die deutschen und nicht nur die deutschen Banken sich die reichlich vergebenen Kredite dann um ein Vielfaches von den europäischen Steuerzahlern zurückgeholt haben und jetzt die große Europäerin Merkel europaweit eine Austeritätspolitik verordnet, mit der der Hunger, ja, tut mir leid, das so plump sagen zu müssen: der Hunger in einzelne europäische Länder zurückgekehrt ist – wie soll man diese Politik nennen? Wenn man nicht jedes Gefühl für die Bedeutung von Worten und Begriffen eingebüßt hat, dann wird man sie nicht anders denn als gnadenlos nationalistische Politik bezeichnen müssen, die sich allerdings gut europäisch geriert.

Aus: Karl-Markus Gauß – „Der Hunger ist zurückgekehrt“ | derStandard

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