Im Kessel

Abgehängt sein vom wirtschaftlichen Fortschritt (man könnte es auch als Perspektivlosigkeit bezeichnen) – das ist in meinen Augen ein wesentlicher Grund für den Zulauf, den extreme und fremdenfeindliche Gruppierungen haben. […] Die Betroffenen suchen nach Schuldigen für ihre Lage und werden bei den „Fremden“ scheinbar fündig. Die komplexen gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge, die ihre individuelle Misere großenteils bedingen, durchschauen sie nicht. Wie sollten sie auch, sorgen doch viele unserer Politiker und der überwiegende Teil unserer Massenmedien für keinerlei gesamtwirtschaftliche Aufklärung, sondern für die Zementierung einzelwirtschaftlicher Sichtweisen und dadurch für eine Blockade der Lösungsansätze, die allen und gerade auch diesen sich benachteiligt Fühlenden zu Gute kämen. […]

Das Hauptanliegen dieser Meinungsmache scheint mir zu sein, dass diejenigen, die sich abgehängt fühlen, nicht auf die Idee kommen, ihre eigene Situation mit der der deutschen Oberschicht zu vergleichen oder gar den Grund für ihre persönliche Misere in der Handhabung unseres ökonomischen Systems zu suchen. Wenn die Masse der Menschen erst einmal versteht, dass die Ausbeutung der Arbeitskraft des kleinen Mannes hierzulande die Hauptursache für den Reichtum unserer Oberschicht und das Elend in den EWU-Partnerländern ist, könnte sich ihre Wut nämlich eine andere Zielscheibe als Flüchtlinge, Asylbewerber, EU-Migranten und andere Minderheiten suchen. […]

Der Druck im Kessel der Abgehängten wird steigen und das Ventil der Fremdenfeindlichkeit bekommt immer mehr zu tun, weil die für die wirtschaftlichen Geschicke und die Rahmenbedingungen unseres Wirtschaftssystems Verantwortlichen nicht bereit sind, das Feuer unter dem Kessel zu löschen, an dem sie sich selbst – außerhalb des Kessels – so angenehm wärmen.

Aus: Friederike Spiecker – Woher kommt PEGIDA? Aufgelesen bei … Stephan Mayer | flassbeck-economics

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