Gleichgültigkeit

Neulich habe ich die Geschichte der Syrerin Soha recherchiert. Sie wollte mit ihren vier Töchtern im Alter von drei bis zwölf Jahren übers Mittelmeer nach Europa fliehen. Ihr Boot ging nicht weit von der ägyptischen Küste unter. Soha hatte als Einzige eine Schwimmweste an und ihre vier Töchter klammerten sich an sie. Soha strampelte, um über Wasser zu bleiben, weil eine Schwimmweste nicht fünf Menschen trägt. Sie wusste, sie musste einige ihrer Töchter loslassen, damit irgendwer überlebt. Aber sie konnte sich nicht entscheiden und wartete einfach ab. Zuerst ließ ihre dreijährige Tochter los, die neben ihr nachts im Mittelmeer wegtauchte. Dann die zweite und dann die dritte Tochter. Schließlich zog die ägyptische Küstenwache sie und ihre älteste Tochter aus dem Wasser, damit sie uns diese Geschichte noch erzählen kann. Ich denke mir oft, dass man in Österreich über die Gnade seines Geburtsortes nachdenken sollte. Dass es reiner Zufall ist, dass man dort und nicht in Aleppo, Hama oder Homs geboren ist. Das ist für mich das beste Rezept gegen Überheblichkeit und Gleichgültigkeit gegenüber dem, was nur dreieinhalb Flugstunden von mir entfernt jeden Tag passiert.

Aus: Florian Klenk, Interview mit Karim El-Gawhary | Falter

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