Faul oder zu blöd

Das zentrale Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft und zugleich die zentrale Legitimation für Ungleichheit ist doch: Wenn jemand mehr leistet, dann hat er auch mehr – wenn jemand mehr hat, muss er also auch mehr geleistet haben. […] Jeder glaubt daran. Und obwohl jeder weiß, dass es nicht so ist, wird das Prinzip hochgehalten. Deswegen geht der Debatte, wer wie viel verdient und ob das eigentlich ungerecht ist, nie der Stoff aus. Abgesehen davon – die Frage, wer mehr leistet, eine Altenpflegerin oder ein Investmentbanker, lässt sich unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten ohnehin nicht beantworten. Die Antwort auf die Frage, warum die Altenpflegerin weniger verdient als der Investmentbanker, ist schlicht: weil das Altenheim weniger verdient als die Investmentbank. […]

Diese Leistung – oder wie Ökonomen es nennen: Produktivität – spiegelt nicht die Anstrengung des Menschen wieder, sondern nur den Erfolg eines Unternehmens. Mir ist unklar, wieso Leute weiter an dieser Vorstellung festhalten, dass mit dem Lohn die „Leistung“ gerecht entlohnt wird. Vielleicht müssen sie es. Es ist für die Individuen durchaus entlastend, an die Leistungsgerechtigkeit des Kapitalismus zu glauben. Das suggeriert immerhin Handlungsfähigkeit: Wenn ich mich wirklich anstrenge, dann kann ich es schaffen. Anderseits bleibt ja auch dem Misserfolgreichsten nichts anderes übrig, als sich eben weiter anzustrengen. […]

Wenn man sagt, Einkommen bemisst sich nach Leistung und Leistung bemisst sich danach, wie sehr sich jemand anstrengt, dann ist im Umkehrschluss klar: Wenn jemand ökonomisch nicht erfolgreich ist, dann war er wohl faul oder zu blöd. Der Verlierer in der Konkurrenz soll die Kritik dann gegen sich selbst wenden, statt gegen das System. Das ist der Übergang zum ökonomischen Rassismus, und der basiert auf diesem angenommen Leistungsprinzip. Wenn die BILD-Zeitung schreibt, dass Griechenland deswegen in der Krise sei, weil dort weniger gearbeitet würde, dann fällt das sofort auf fruchtbaren Boden, egal wie viele Statistiken das widerlegen.

Stephan Kaufmann

Aus: Martín Steinhagen – Was tun die Armen dem Kapitalismus an? | Telepolis

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