Was kommt nach dem Kapitalismus?

Die Thesen von Ulrike Herrmann:

1. Der Kapitalismus braucht hohe Löhne

«Löhne werden oft nur als lästiger Kostenfaktor betrachtet, die es möglichst zu drücken gilt», sagt Herrmann, «doch die Entwicklung des modernen Kapitalismus zeigt: Hohe Löhne sind der eigentliche Motor. Sie treiben den Produktivitätsfortschritt an, der Wachstum erzeugt. Zudem sind Löhne nicht nur Kosten für die Arbeitgeber. Indem die Beschäftigten ihr Einkommen ja wieder ausgeben, schaffen sie jene Nachfrage, die es überhaupt interessant macht, für einen Markt zu produzieren.»

2. Es gibt keine Marktwirtschaft

In der heutigen Zeit wird Kapitalismus gerne mit Marktwirtschaft verwechselt. […] Die Marktwirtschaft, so wie die meisten Leute sie sich vorstellen, existiere aber gar nicht, sagt Herrmann. Konzerne beherrschen die Wirtschaft, weil die Investitionen für technische Innovationen meist so hoch sind, dass sie nur getätigt werden, wenn ein Unternehmen den Markt kontrolliert und sich ausrechnen kann, dass sich die Investitionen lohnen.

3. Wir produzieren uns zu Tode

«Die Produkte sind nur Hilfsmittel für einen höheren Zweck. Das Endziel sind die Arbeitsplätze. Wir arbeiten, um zu arbeiten.» Nur wer Arbeit hat, hat Einkommen, Sicherheit und Anerkennung.

«Aber anders, als Karl Marx dachte, geht es nicht um Gebrauchs- oder Tauschwert. Es geht um Stabilität und Sicherheit. Wir produzieren immer mehr, weil der Kapitalismus Wachstum benötigt und ohne Wachstum kollabiert.»

Das Risiko ist gross, dass zu viele Arbeitslose den Rechten Auftrieb verschaffen.

4. Die grüne Wirtschaft hilft nicht

«Es ist ein Dilemma: Ohne Wachstum geht es nicht, komplett grünes Wachstum gibt es nicht, und normales Wachstum bedeutet eine Ökokatastrophe.»

5. Der Kapitalismus – Segen oder Fluch

Er hat den Reichtum und den technischen Fortschritt ermöglicht, der es eigentlich erlauben würde, mit wenig Arbeit auszukommen. Aber stattdessen muss weiterproduziert werden, selbst wenn dies in den Untergang führt.

Einfach aussteigen geht nicht: «Es würde eine unkontrollierbare Spirale nach unten einsetzen, die an die Weltwirtschaftskrise ab 1929 erinnert: Arbeitsplätze gehen verloren, die Nachfrage sinkt, die Produktion schrumpft, noch mehr Stellen verschwinden. Der Kapitalismus wäre zwar beendet, aber dieses Ende darf man sich nicht friedlich vorstellen.» Es könnte alles pulverisiert werden, was uns lieb ist – Bildung, Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung, Sozialstaat.

«Was tun, Frau Herrmann?»

Es gebe Vorschläge, wie eine Ökonomie aussehen könnte, die nicht mehr verbraucht, als die Welt hergibt. «Aber keiner sagt, wie wir dorthin kommen.» Man müsste dringend Transformationsforschung betreiben, so Herrmann. Alle, die Dinge produzieren, die niemand wirklich braucht, müssen eine Vorstellung bekommen, wovon sie leben sollen, wenn diese Dinge nicht mehr produziert werden. Und zwar am besten schon morgen.

Aus: Susan Boos – Wir produzieren uns zu Tode | woz

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