Jobwunder

Wo in Deutschland […] haben Sie besonders prekäre Zustände vorgefunden?

Überall dort, wo ungelernte Arbeitskräfte rasch und vermeintlich billig zu haben sind. Die Autoren haben teils offen, teils undercover etwa bei den Online-Versandhändlern Amazon und Zalando, im Schlachthof, im Reinigungsgewerbe oder bei Paketdiensten recherchiert. Wir haben Missstände im Pflegebereich gesehen, aber auch beim deutschen Aushängeschild Daimler. Die Menschen, die dort unter empörenden Bedingungen und miserabel bezahlt schuften, sind die Schattenseite des von der Politik raffiniert propagierten „Jobwunders“ in Deutschland, von dem die ganze Welt spricht.

Warum wehren sich die Arbeitnehmer nicht?

Sie stecken in diesem Gefüge fest. Es sind Millionen, aber sie sind doch unsichtbar. Und sie haben meist keine Kraft, um sich zu wehren. Wer den ganzen Tag – oft zwölf Stunden und mehr – schuftet und dafür dann doch nur ein paar Euro bekommt, der resigniert irgendwann. Dort führt man wirklich einen Kampf ums Überleben, vor allem wenn Kinder zu versorgen sind. Die Leute holen das Letzte aus sich heraus, um durchzukommen. Dabei reichen diese prekären Jobs nicht zum Leben, oft muss der Staat noch das Gehalt aufstocken. Das ermutigt diese Firmen ja geradezu, leichtfertig zu entlassen und immer noch billigere Leute einzustellen.

Aus: Interview von Birgit Baumann mit Günter Wallraff – Wer nicht pariert, fliegt | derStandard

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