Schlagt sie!

Auszüge aus einer Replik von Mladen Savic auf das Buch “Empört euch!” von Stéphane Frédéric Hessel:

 

Man bombt und marschiert und mordet angeblich auf humanitäre Weise, heuchlerisch bis zum Erbrechen, mit so widersprüchlichen Vorwänden, dass sogar ein Kind sie errät, bloß der Erwachsene nicht. Erwachsenwerden eben: von aufgeweckt zu abgestumpft!

Geheimdienste wissen mehr als deren gewählte Regierungen. Man spioniert, kontrolliert und attackiert im Namen des Friedens und der Sicherheit. Die Namen der Dissidenten sind bekannt. Paolo Gabriele, Chelsea Manning, Julian Assange und Edward Snowden, ihnen allen haben Hausarrest, Haft oder Todesstrafe gedroht, allein dafür, ungemütliche Wahrheiten bekannt gemacht zu haben. Steht nun die Staatsräson über der Demokratie? Wer hat das wann mit wem beschlossen?! […] Wer dies für Normalität hält, ist selbst nicht ganz normal, sondern entweder zwielichtig oder zynisch, aber keinesfalls ganz gesund.

Als Machtapparate stellen sie eine Bedrohung für das letzte bißchen Humankultur dar. Sie knechten die Menschen und zerstören außerdem den Planeten. Ökologisch gesprochen, ist die gesamte Menschheit ihr Opfer.

Jeder möchte ihnen lieber die Hände schütteln, sich mit ihnen ablichten lassen, ihnen die Tür aufhalten, den Teppich ausrollen, kurz, ihren Speichel lecken, um ihre bestens bezahlte Hure sein zu dürfen. Ist das zu emotional, oder zu derb und dreckig? Würdelos – aus Geldgier. Alle leugnen sie und verneinen, bis sich ihnen ein persönlich opportuner Augenblick, die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg bietet und das große Geld winkt.

Warum sollen Kinder entweder verschuldet oder reich und privilegiert geboren werden, und was kann das Kind dafür?! Täglich hungern 35% der afrikanischen, 18% der asiatischen und 14% der lateinamerikanischen Bevölkerung, global jeder fünfte Mensch, darunter Millionen an Kindern und Jugendlichen. Die technische Rückständigkeit und der objektive Gütermangel, übrigens beide ein moderner Mythos, können die Schuld dafür nicht tragen. Die FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) geht bei Beibehaltung der aktuellen Produktivkräfte von zwanzig Milliarden ernährbarer Menschen aus (mit einer täglichen Ration von 2400 bis 2700 Kalorien). Auch Jean Ziegler vermisst die Empörung auf die ‘grauenvollen Bilder’ von Hungerleichen, die man im Westen bloß ‘zur Kenntnis’ nimmt, ohne die geringste Erschütterung.

Der wahre Widerstand ist tot. Das Kapital, absoluter, totalitärer, diktatorischer denn je, hat gewonnen. Das ist nicht alles. Tatsache ist, dass die Menschheit eine einzigartige Höhe an Produktivität erreicht hat, mit einem enormen Güterüberschuss, mit solchen Handelsvolumina, dass man permanent Ausschau hält nach Absatzmöglichkeiten, mit unglaublichen Mengen an entäußertem Mehrwert, der sich und seine Effizienz in den astronomischen Summen privaten Kapitals wiederspiegelt. Millionen an Millionären existieren verstreut über aller Herren Länder, in vollkommener Trennung von Arbeit und Belohnung, von Leistung und Besitz. Hauptberuflich kann man mittlerweile Societydame und Kameraschönheit, Aktionärserbe und Königssohn, Nebelverkäufer und Investor sein. Die Leistung, schön oder wohlgeboren oder wenigstens skrupellos zu sein, ist zwar keine, jedoch allgemein anerkannt. Das Geld ist demnach nicht mächtiger geworden, wie Hessel vermutet, sondern die Bevölkerung ohnmächtiger! Das Volk ist überdies von der Macht des Geldes infiziert; geistig hat es sich seiner sozusagen bemächtigt. Von der inneren Korruption, wenn man die eigenen Ideale allmählich verrät und im Job gelegentlich bei der Moral ein Auge zudrückt, von jener charakterlichen Korrumpierbarkeit, wenn Geschwister sich wegen Eigentums vor Gericht zerren und Freunde einander in Geldnöten plötzlich nicht mehr kennen, ist bereits die Rede gewesen. Eine schlechte Vorbedingung für Zusammenhalt! Parallel dazu hat sich die Abhängigkeit des Werktätigen vertieft, allein im bezug auf das Lebensnotwendigste, die Ernährung. Wer essen will, muss mitspielen. Der Börsenhandel mit Weizen bestimmt den Preis des täglichen Brotes, das man kaufen muss. Wo ist Chicago? – Die kapitalistische Infektion der Seele erscheint bloß als Reflex jener vielseitigen, zivilisatorischen Abhängigkeiten, die man willig eingeht, da man nicht anders kann.

„Wer befiehlt, wer entscheidet?“. Die Frage richtet sich an die Lokalisierung sozialer Macht, die heute irgendwie schwieriger zu sein scheint als früher. […] Die Höhe der Arbeitsteilung in der Produktion und im Welthandel, die dadurch verursachte Länge der Kommandokette darin, die administrative Größe und das Management eines solchen Ablaufs, zuletzt die Streuung des privaten Besitzes in Form von Kapital in Aktiengesellschaften verschleiern allesamt die nicht unmittelbar wahrgenommene Herrschaft des Kapitals. Man müsste sie somit in jener Klasse von Besitzenden bzw. von Privatpersonen lokalisieren, in der das meiste Kapital sich ansammelt. Wäre das nicht wenigstens logisch? Die Alternative wäre, anzunehmen, dass man zwar um einen Kapitalismus weiß, aber um keine Kapitalistenklasse. Wäre das nicht unlogisch?

… die Wirklichkeit […] eine verschwitzte Bühne zur Ausfechtung von Wirtschaftsinteressen mit allen Mitteln, mithilfe von Arbeitsrecht und Handelsgesetz, mithilfe von Privatpresse, Industrie und Bank, notfalls mit Finanzfrisierungen, Regierungskauf, Ausnahmezustand oder überhaupt mithilfe eines Militärschlags unter welchem Vorwand auch immer.

Die Schuldigen im Kapitalismus, die Ausbeuter und deren zivile, klerikale und militärische Handlanger, kommen in der Regel davon. Sie müssen irgendwann wieder zur Verantwortung gezogen werden können – spätestens, wenn wir als Empörte und als Menschen zusammenkommen. Es ist Zeit, es in die Welt hinauszuschreien: empört euch nicht nur über sie, schlagt sie!

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