Der Markt ruiniert die Moral

Falter: Herr Falk, warum ruiniert der Markt die Moral?

Armin Falk: Das hat im Wesentlichen drei Gründe. Erstens: In Märkten braucht es immer mindestens zwei Menschen, einen der kauft und einen der verkauft. Man kann also sagen: Okay, ich habe zwar Ja gesagt, aber hätte nicht der andere auch zugestimmt, wäre das Geschäft nie zustande gekommen. Schuld und Verantwortung werden also geteilt.

Falter: Man kann sich auf den anderen rausreden.

Falk: Genau. Zweitens sind wir uns häufig nicht sicher, was richtig und was falsch ist. Also beobachten wir, was andere tun. Wenn Sie zum Beispiel in den Supermarkt gehen, sehen Sie Menschen vor Wühltischen, die sich billige Dinge kaufen. Der Markt produziert damit soziale Information. Die, die am Markt besonders aktiv teilnehmen, sind die, die einen besonders hohen Profit machen wollen. Und die haben meist geringere moralische Werte. Am Markt kommen soziale Informationen also tendenziell von unmoralischen Leuten. Und die anderen lernen von ihnen.

Falter: Und drittens?

Falk: Der einzelne Konsument oder Produzent erlebt sich -was die Folgen angeht – als unbedeutend. Sie glauben, der Schaden tritt sowieso ein. Denken wir an einen Waffenexport. Da sagt der Waffenhändler aus Österreich: Na gut, wenn wir die Waffen nicht an die Russen liefern, dann liefern sie die Amerikaner. Das ist das Motto: “Wenn ich’s nicht mache, dann tut es jemand anderer.” Also kaufe oder verkaufe ich es lieber selbst, dann kann ich wenigstens selbst den Profit machen.

Falter: Ist diese gefühlte Bedeutungslosigkeit echt oder bloß eine Ausrede?

Falk: Die Macht des Einzelnen auf Märkten ist schon beschränkt. Oft ist man nicht mehr völlig verantwortlich für das Ergebnis seines Handelns -wie bei der Arbeitsteilung, wo nicht mehr einer allein für das verantwortlich ist, was passiert. Aber wenn man sich mit der Frage moralischen Verhaltens befasst, kommt man immer wieder auf denselben Punkt: Unmoralische Handlungen lassen sich für den Einzelnen leichter ertragen, weil er sich eine Geschichte erzählen kann. Und diese eingeredete Bedeutungslosigkeit ist so eine Geschichte.

Quelle: dernaro.at

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