Wenn ich einen Safe verkaufen will, brauche ich jemanden, der Angst hat

Wenn in den Medien oder politischen Debatten von der Bedrohung unserer Sicherheit die Rede ist, dann geht es in der Regel um terroristische Anschläge und kriminelle Übergriffe, um Naturkatastrophen oder Unglücke. Um solche Ereignisse abzuwenden, setzt die deutsche und europäische Sicherheitsforschung auf technische Innovationen: Mit staatlicher Finanzhilfe entwickeln Unternehmen und Universitäten neue Überwachungssoftware, Drohnen und Mittel für die Sprengstoff-Detektion. Das bekannteste Beispiel eines Projekts aus der europäischen Sicherheitsforschung ist wohl die „Überwachungsplattform“ Indect.

Aber fürchtet sich die Bevölkerung wirklich vor Gefahren, wie sie in den Ausschreibungen der Sicherheitsforschung genannt werden – also vor Terrorismus, Verbrechen und Katastrophen?

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Altersversorgung und Gesundheit sind besonders wichtige Bereiche für das persönliche Sicherheitsgefühl. Die Sorge, ein Opfer von Kriminalität zu werden, spielt lediglich für 14 Prozent eine Rolle. Für den gesellschaftlichen Bereich dominiert die Sorge um eine zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich: Diese Ungleichheit wird von 73 Prozent der Befragten mit starker Besorgnis betrachtet.

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Die Wahrnehmung von gesellschaftlichen Problemen wird sehr stark über die Medien vermittelt. Die Themenauswahl von Fernsehen und Presse wirkt bei gesellschaftlichen Themen auf die Problemwahrnehmung der Bevölkerung, und da geht es eben viel um Kriminalität, Verbrechen und Terrorismus. Die persönlichen Bedrohungsgefühle beruhen dagegen viel stärker auf eigenen Erfahrungen und alltäglichen Wahrnehmungen im direkten Lebensumfeld.

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Sicher, die Angst vor Kriminalität ist sozusagen eine Projektionsfläche. Verbrechen steht symbolisch für alle möglichen Probleme, beispielsweise für die Angst vor Arbeitslosigkeit, Armut oder Trennungsangst. Dahinter steht, allgemein gesprochen, die Furcht vor der Zukunft und Furcht vor Kontrollverlust. Kriminalität bietet sich als das entsprechende Symbol an, weil. Straftaten sind konkret und anschaulich; darunter kann sich jede und jeder etwas vorstellen. Außerdem kommt ja das Verbrechen von außen. Niemand kann etwas dafür, Opfer zu werden, und das entlastet vor der persönlichen Verantwortung.

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Wie der Wohlfahrtsstaat organisiert ist, hat einen ganz großen Einfluss auf die Ängste in der Bevölkerung. Besonders deutlich wird das durch den internationalen Vergleich: In den skandinavischen Ländern, wo ein hohes Maß an sozialer Sicherheit gegeben ist, ist die Furcht vor Kriminalität am geringsten. In den liberalen Wohlfahrtsstaaten wie beispielsweise Großbritannien oder den USA ist sie am größten.

Das liegt nun aber nicht unbedingt daran, dass dort die tatsächliche Verbrechensbelastung größer wäre, sondern an psychologischen Mechanismen: Sozialpolitische Maßnahmen, die den Bürgern Möglichkeiten und Ressourcen an die Hand geben, um ihr Leben selbst zu gestalten, fördern das Gefühl von Kontrolle und Selbstvertrauen.

Quelle: telepolis

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