Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten

Ich glaube nicht, dass die Leute das wirklich denken. Das sagen sie, damit man sie mit dem Problem in Ruhe lässt. Wenn man jemanden sagt: Gib mir mal deine Festplatte und lass mich kurz deine E-Mails durchlesen, dann bekommt doch jeder ein mulmiges Gefühl. Die meisten möchten doch nicht einmal, dass die Partnerin oder der Partner die eigenen Mails liest, weil wir nämlich wohl etwas zu verbergen haben. Nicht ein Verbrechen, sondern einfach nur das, was man Privatsphäre nennt. Ein intimer Raum, der uns immer latent peinlich ist und den wir schützen. Ich denke, wer nichts zu verbergen hat, der hat bereits alles verloren.
[…]
Sind wir nicht auch selbst Schuld daran, dass wir Dienste wie Facebook achtlos nutzen und uns nicht um Verschlüsselung kümmern?

Für mich ist es eine Beleidigung, diese Argumentation so herumzudrehen. Ich muss mir nicht von Herrn Friedrich sagen lassen, ob ich auf Facebook zu sein habe oder nicht. Wer das sagt, beweist, dass er nicht verstanden hat, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Die Bürger sind ja nicht zur Selbstverteidigung aufgerufen. Wenn das so wäre, könnte man auch sagen, wer rausgeht ist selber Schuld, ausgeraubt zu werden. Das ist genau dieselbe Argumentation wie zu sagen, wer bei Facebook postet, ist selber Schuld, wenn ihm seine Daten geklaut werden. Wir schließen uns doch gerade in Gesellschaften zusammen, weil wir als Bürger unser Recht zur Selbstverteidigung an den Staat abgeben, und bekommen dafür das Versprechen, dass unsere Freiheit von staatlicher Seite geschützt wird. Wir haben das Recht, uns im Internet frei zu bewegen. Der Staat muss dafür sorgen, dass unserer Daten nicht geraubt werden. Es würde ja auch niemand sagen: Na ja, dann kannst du halt nicht rausgehen, dann
musst du dich zu Hause einsperren und nicht mehr mit anderen reden, weil dich dann auch niemand abhören kann.

Juli Zeh

Quelle: fr-online.de

Advertisements